Brandenburger Schafe: Zu Besuch bei Ostpreussischen Skudden

In der Reihe „Brandenburger Schafe“ geht es heute um die Ostpreussische Skudde. Ich habe die Skuddenhalterin Sigi Heilmann und ihre Tiere besucht und berichte hier von dem sehr aufschlußreichen Gespräch über Schafe, Rassestandards und genetische Vielfalt.

Blauer Himmel, schönster Sonnenschein – genau das richtige Wetter, um Brandenburger Schafe zu besuchen. Die Reise ging nach Stahnsdorf zu den Streuobstwiesen des BUND. Ganz idyllisch, unter blühenden Obstbäumen, leben hier ca. 40 bunte Skudden und betreiben gemütlich Landschaftspflege. Moment mal…bunte Skudden…? Die sind doch für gewöhnlich weiß…? Skudden sind mir schon öfter begegnet, aber bunte waren noch nie dabei.

Skudde, gehörnt, hinter einem Zaun
So kennt man Skudden für gewöhnlich: weißes Vlies, tolle Hörner. Dieses Exemplar wohnt am Schalsee und zeigte sich völlig unbeeindruckt von schafbegeisterten Touristen...













Ein kleines Rasseporträt

Skudden sind die kleinsten deutschen Landschafe. Sie kamen ursprünglich aus dem Baltikum und Ostpreussen und gehören zur Gruppe der kurzschwänzigen nordischen Heideschafe (zu dieser Gruppe gehören u.a. z.B. auch Ouessant, diverse Schnucken, Shetlandschafe und Finnschaf).
Während im Jahre 1873 in Preußen noch 77 000 Skudden gehalten wurden, ging ihre Zahl in den darauffolgenden Jahren stetig zurück. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es in Ostpreussen lediglich 1000 reinrassige Tiere. Gegenwärtig leben in Deutschland ca. 2600 Tiere, die im Wesentlichen von Tieren stammen, die vor dem 2. Weltkrieg aus Ostpreussen und Litauen hierher kamen. In ihrem Ursprungsgebiet, das im heutigen Polen und Russland liegt, sind Skudden heute ausgestorben.
Sie wurden früher sowohl als Fleisch- als auch Woll-Lieferant gehalten, kommen heute jedoch hauptsächlich in der Landschaftspflege zum Einsatz, da sie sehr genügsam, robust und sehr gut an das Klima ihrer Ursprungsregion (das dem hiesigen sehr ähnlich ist) angepasst sind. Sie werden bis zu 60cm hoch und wiegen zwischen 35 und 50kg. Böcke haben eine Mähne und gewundene Hörner, weibliche Tiere sind jedoch oft hornlos oder haben Hornstummel. Ein Vlies wiegt (pro Tier) ca. 2kg und ist mischwollig, d.h. es bildet zwei Lagen: feine weiche Unterwolle und lange, grobe Deckhaare, auch Stichelhaare kommen vor. Das Deckhaar lässt das Regenwasser gut ablaufen, die Unterwolle hingegen wärmt und isoliert das Schaf. Dadurch ist es für die Tiere kein Problem, ganzjährig draußen zu leben. Der Anteil von Deckhaar und Unterwolle variiert dabei von Tier zu Tier.


Herdbuch oder nicht Herdbuch?

Wenn man Schafe halten möchte, kann man das entweder mit oder ohne Herdbuch tun. Bei der Schafhaltung ohne Herdbuch muss man bei der Zucht nichts weiter beachten als die eigenen Vorlieben, z.B. bezüglich Wolle, Statur, Fleischertrag, Lammung etc. Auf diese Weise werden mit der Zeit viele interessante Muster und Scheckungen bei den Tieren sichtbar.

Das Herdbuch beschreibt den Rassestandard. Dort ist festgeschrieben, welche Merkmale die Tiere aufweisen müssen, um als reinrassig zu gelten. Wer also nach Herdbuch züchten möchte, muss sich an diesen Standard halten. Tiere, die diese Merkmale nicht aufweisen, werden von der Zucht ausgeschlossen und dienen der Fleischerzeugung. Die Rassestandards werden von den Schafhaltervereinen festgelegt. Die meisten Schafhaltervereine existieren auf Bundeslandebene, einige auch auf Bundesebene. In Abstimmung mit dem Dachverband (Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände, VDL) ist es möglich, Herdbücher zu ändern. Verschiedene Schafhaltervereine für eine Rasse können also durchaus unterschiedliche Rassemerkmale in ihren Herdbüchern enthalten.

Die Rassebeschreibungen für die Skuddenzucht beinhalten meist die Farben weiß, schwarz, grau und braun (z.B. hier bei der VDL) oder beim Zuchtverband für ostpreussische Skudden und Rauhwollige Pommersche Landschafe). Muster und Scheckungen sind nicht erwünscht. Der Schafverband Berlin-Brandenburg hat Ende 2018 seine Rassebeschreibung für Skudden geändert. Tiere mit Scheckungen und Zeichnungen sind hier erlaubt, ihre Farben und Muster werden verpflichtend in einer Datenbank erfasst.

braune, graue, schwarze und gescheckte Lämmer
Bunte Lämmer gab es auch zu sehen 😊











Bunte Schafe sind eine wertvolle Genreserve

Die Änderung der Rassebeschreibung der Skudden im Berlin-Brandenburger Schafzuchtverband hat eine große Bedeutung für die Bewahrung der genetischen Vielfalt der Schafrassen. Die Farben der Skudden und ihre Genetik erinnert nämlich an die von Shetlandschafen. Das lässt darauf schließen, dass die genetische Vielfalt der Skudden viel umfangreicher ist, als man ihnen auf den ersten Blick ansieht – ein weißes Schaf ist eben nicht nur ein weißes Schaf, viele Gene können unter der Oberfläche schlummern, die sich erst in den Nachkommen zeigen können. Sie bilden daher eine wertvolle Genreserve und sind sozusagen „altes Kulturgut“. Vielleicht kann man es vergleichen mit der wiederauflebenden Zucht alter Obstsorten?

Um mehr Wissen über den Genpool zu sammeln, wurde die IG Bunte Skudden ins Leben gerufen. In einem gemeinsam genutzten webbasierten Programm können so Abstammungen dokumentiert und Erkenntnisse ausgetauscht werden.

verschiedene bunte Skudden in schwarz, silbrig und fuchsfarben
Bunte Schafe. Dieses Foto wurde freundlicherweise von Elke Schröter zur Verfügung gestellt. Die Farben sind: links Muster schimmel auf Grundfarbe braun, in der Mitte gleiches Muster (schimmel oder grau) auf der Grundfarbe schwarz und rechts sehr wahrscheinlich doppelt grau bzw. schimmel auf Grundfarbe schwarz.
 











Farben, Muster und Scheckungen

Wenn man nicht auf Farben züchten muss, sondern der Natur freien Lauf lässt, kommen eine Reihe Farben, Muster und Scheckungen zum Vorschein. Hier ist eine Liste (entnommen der Webseite IG Bunte Skudden):

  • Braun, Braun-Schecke, Braun-Schimmel
  • Schwarz, Schwarz-Schecke
  • Weiß
  • Grau, Grau-Schecke
  • Patchy Grey
  • Falb, Falb-Schecke
  • Bronzed
  • Light Badger-Face
  • Imie

Sonderfarben sind auch möglich und werden fortlaufend erfasst.

die Schafhalterin hält den neugierigen Schafen einen Obstbaumzweig hin.
Die Schafdame ganz rechts ist eine Kreuzung aus Coburger Fuchs und Skudde, das dunkle Tier links daneben ist Rosalie. Rosalie ist English Blue auf Schwarz. Das braun wirkende Schaf links von Rosalie ist eigentlich schwarz, die Spitzen des Vlieses sind im Laufe des Jahres braun ausgeblichen Da die Tiere recht scheu sind und sich nicht fotografieren lassen wollten, griff die Schafhalterin kurzerhand zu einem Trick: lecker Obstbaumzweig als Bestechung 😊. Die Beine der Schafhalterin dienen als Größenvergleich.











Die Wolleigenschaften - weiß und kratzig?

Skudden haben mischwollige Vliese. Die Deckhaare können bis 20 cm lang werden und sind mit ca. 34 - 40 µ sehr grob, die Unterwolle ist deutlich feiner. Farbige Skudden haben feinere Wolle als die weißen Tiere. Man kann (zumindest als Handspinner) bei der Verarbeitung die langen Deckhaare von der Unterwolle trennen und beide Fasern separat verarbeiten. Dadurch erhält man sehr unterschiedliche Garne.

Bislang war die Skuddenwolle, mit der ich in Berührung kam, sehr…nunja, sagen wir mal: robust. Okay: kratzig. Offenbar waren diese Tiere mit reichlich Deckhaar und auch Stichelhaaren ausgestattet, die für diesen Kratz-Effekt verantwortlich sind. Dementsprechend war ich doch sehr skeptisch, als die Schafhalterin mir von der Weichheit der Skuddenwolle vorschwärmte. Aber ich lerne ja gerne dazu. Also nahm ich mir etwas Kammzug von Frodo, einem silbernen Skuddelamm, mit (Frodo! Na KLAR musste ich den mitnehmen!) und habe gleich mal ein Pröbchen gespindelt. Und was soll ich sagen: Skudde kann wirklich sehr weich sein! Ein Pullover daraus wäre für mich überhaupt kein Problem. Zugegeben, mit australischer Merinowolle kann die Skudde in puncto Feinheit nicht mithalten, aber weich ist eben nicht gleich weich. Skudde ist „anders weich“. Ich glaube, wir müssen „weich“ neu definieren und Abstufungen einführen. Ihr Spinner, die ihr das lest und auch so skeptisch seid: probiert es aus! Es lohnt sich!

Schafwolle als rohes Vlies, Kardenband, Einzelfaden auf der Spule und in Nahaufnahme.
Skudde-Vlies im Rohzustand (oben) und nach dem Waschen und Kardieren als Kardenband und gesponnener Einzelfaden auf der Spule. In der Nahaufnahme des Vlieses rechts sieht man schön die langen weißen Deckhaare und die dunklen Grannenhaare.














handgesponnenes Skudde-Garn im Strang neben einem Zweig Immergrün
Ein kleiner Probestrang mit der Handspindel gesponnenes Skudden-Garn. Die Grannenhaare sind eher bräunlich als silbrig, vielleicht war Frodo ja mehrfarbig...?










Kann ich die Schafe besuchen?

Ja klar! Zum jährlichen Streuobstwiesenfest kommt gewöhnlich der Schafscherer und befreit die Tiere von der Wolle, dann öffnet auch die Streuobstwiese ihre Tore für Besucher. Aber auch sonst kann man vorbeikommen: jeden 2. Sonntag pflegen Ehrenamtliche die Wiese und helfende Hände sind sicher immer gerne gesehen. Nähere Infos gibt es hier (klickklick).


Autorin: faserexperimente

Quellen:

Gespräch mit Sigi Heilmann, https://www.sigis-schafe.de/

https://bunte-skudden.jimdofree.com/ (abgerufen am 05.Mai 2021)

https://de.wikipedia.org/wiki/Nordische_Kurzschwanzschafe (abgerufen am 05.Mai 2021)

https://de.wikipedia.org/wiki/Skudde (abgerufen am 05.Mai 2021)

https://www.g-e-h.de/index.php/rassebeschreibungen/72-rassebeschreibungen-schafe/106-skudde (abgerufen am 05.Mai 2021)

Hans Hinrich Sambraus „Farbatlas der Nutztierrassen“ (Ulmer Verlag) 7. Auflage, ISBN 978-3-8001-7613-7

Hans Hinrich Sambraus „Gefährdete Nutztierrassen“ (Ulmer Verlag) 3., neu bearbeitete und erweiterte Auflage (2010), ISBN 978-3-8001-6414-1

Knut Strittmatter „Schafzucht“ (Ulmer Verlag), 2003, ISBN 3-8001-3192-7

Barbara Aufenanger „Das Wollprojekt. Wolleigenschaften in Deutschland gehaltener Schafrassen“ (1. Auflage 2013) ISBN 978-3-00-040686-7


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